| In der klassischen Form der Autobiografie wurde sie seit der Antike geübt, im 20. Jahrhundert etwa von Bernward Vesper mit "Die Reise" (Hamburg 1983), Anna Wimschneider mit "Herbstmilch" (München 1985) und Ruth Klüger mit "Weiter leben: eine Jugend" (Göttingen 1992). Eine eigenwillige Form hat jüngst Horst Fleig in seinem Buch "Odyssee in die Kindheit" (Norderstedt 2006) erprobt. Es trägt den Untertitel "Selbstversuch zur Erinnerungsbeschreibung" und weist darin auf eine Doppelform der Erinnerungsdarbietung hin: Zum einen ist es der schriftliche Erinnerungsprozeß, der so weit wie eben möglich in der Perspektive und Sprache des (damaligen) Kindes durchgeführt wurde; und zum anderen, als Text typographisch abgesetzt, der laufende Kommentar des Erwachsenen, der dies und das aus seiner entwickelteren Perspektive zu ergänzen, zu berichtigen und zu interpretieren weiß - dies nicht zuletzt dank vieler Gespräche mit ehemaligen Weggefährten. Diese mehrjährige Erinnerungsbeschreibung gab einige seelische Konstanten bei der Erinnerungsbildung zu erkennen, die von der Psychologie wie auch von Erinnerungsvirtuosen wie Marcel Proust offenbar übersehen oder nicht recht gewürdigt wurden. Dazu gehören vor allem:
* – vor dem inneren Auge wie automatisch ablaufende Erinnerungsprozesse an bestimmte frühkindliche Lebensbereiche; sie fassen eine Serie von zeitlich auseinanderliegenden Erlebnisszenen in einer festen räumlich-visuellen Abfolge zusammen und präsentieren so einen Lebenszeitraum, der in dieser Kohärenz und Ereignisdichte nie zu erleben war, doch offenbar die Quintessenz des dort einst Erfahrenen festhält;
* – gewisse hartnäckige Phantasiebilder ("Auraphantasien" und "Alter-Ego-Figuren"), die sich im Lauf der Zeit nahezu unbemerkt um unsere Lebenszentren zu lagern pflegen, insbesondere um die wechselnden Wohnbereiche und Schulen;
* – die verdeckte und doch dominierende Rolle, die überhaupt die Phantasie über die Jahrzehnte hin für unsere weithin unbewußt verlaufende Erinnerungsbildung sowie für die Bewältigung gravierender Seelen- und Lebenskonflikte spielt.
* – die eigenen Begleitträume, die bei einem so langwierigen Erinnerungsprozeß als Erkenntnisquellen ernst zu nehmen sind.
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